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Erinnerungen

Es ist für uns erschütternd – nicht vorstellbar - dass wir nicht mehr mit unserem Freund Guoqing sein können. Unserer Betroffenheit und Wertschätzung versuchen wir mit diesen

ERINNERUNGEN

Ausdruck zu verleihen. Vor beinahe drei Jahrzehnten lernte ich den damals noch sehr jungen Guoqing zufällig bei einer Veranstaltung des Filmfestivals Viennale im Filmcasino kennen, als er den berühmten chinesischen Regisseur Zhang Yimou interviewte. Beim Warten auf die Straßenbahn nach der Veranstaltung kamen wir in ein Gespräch, das ein Leben lang andauerte. Das Erstaunliche war, dass er damals schon die deutsche Sprache - auch in feinen Nuancen – fehlerlos beherrschte und an seiner Aussprache nicht zu erkennen war, dass es sich nicht um seine Muttersprache handelte. Er kannte und schätzte die österreichische Gegenwartsliteratur, Thomas Bernhard, Erich Fried, Peter Handke und verstand dadurch wohl auch die „österreichische Seele“ in einer Tiefe, die nur ganz wenigen Menschen vorbehalten ist. Als einer der besten Studenten seiner Universität in Beijing hatte er die Möglichkeit eines Auslandsjahres in einem deutschsprachigen Land bekommen. Eigentlich strebte Guoqing zunächst eine Germanistikprofessur in Beijing an. Zu unserem Glück kam dann aber alles ganz anders.


Nicht nur durch seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Vielseitigkeit ist es Guoqing gelungen, sich in einem zunächst noch fremden Land – später wurde er ja zu einem „waschechten Österreicher“ – an herausragender Stelle zu etablieren, sondern vor allem durch Fleiß, Zielstrebigkeit und seine einnehmende Persönlichkeit. Guoqing beeindruckte durch sein selbstsicheres Auftreten und seine lebensfrohe Art, sodass sich kaum jemand seinem Charme entziehen konnte. Er war immer optimistisch und diplomatisch, aber dennoch präzise. Im Rahmen seiner Übersetzungstätigkeit habe ich oft erfahren, dass er Probleme seiner Mitmenschen zu lösen versuchte, wobei er aber verständnisvoll und vermittelnd war. Guoqing hat Lebenswirklichkeiten von der Staatsspitze, Gerichten, Polizeistationen, Großbetrieben, Kleinunternehmen, Künstlern bis zu Mindestsicherungsbeziehern und zwar aus zwei ganz unterschiedlichen Kulturen gekannt und verstanden. Dadurch wurde er tatsächlich einzigartig und unersetzlich. Dazu kommt, dass er einen feinen Sinn für Ästhetik und Freude am kulturellen Leben und später auch an der Natur hatte.


Das Wertvollste für ihn war aber seine Familie, die ihm viel Freude bereitet und auch Kraft gegeben hat. Für uns waren die Begegnungen mit ihm, seiner Frau und seinen Kindern daher sehr schön. Mein Lebensgefährte Werner durfte der Firmpate seines Sohnes Paul werden. Dadurch wurde unsere Verbindung noch tiefer und aus Freundschaft Familie. Wir sind vor allem dankbar für alles, was wir gemeinsam erleben durften. Eigentlich hätten wir uns vorgestellt und gewünscht, dass wir noch Jahrzehnte Zeit haben und wir im hohen Alter - Guoqing und Duan-Rung noch etwas jünger – in der Abendsonne auf einer Bank vorm Haus oder anderswo sitzen und uns über Kinder und Enkelkinder unterhalten werden. Wir können leider nicht in der von uns vorgestellten Form gemeinsam auf dieser Bank sitzen, sind aber dennoch überzeugt, dass, wenn dem so ist, Guoqing dennoch immer dabei sein wird.



Dr. Monika Linder

Mag. Werner Bathelt